Jolla & Gated Communities

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf jollausers.de

 

Ein Blick aufSailfishOS auf dem Heimweg vom 32C3.

Das diesjährige Thema des 32. Chaos Communication Congress (32C3) waren die Gated-Communities, dies steht für geschlossene Systeme, welche Menschen außerhalb dieser Communities den Zugang zu diesen verwehren, bzw. das Nutzen von Diensten/ Angeboten/ Technologien ist exklusiv für Community Mitglieder. Als Beispiele taugen im Netz- und Technik Bereich besonders große Namen wie Apple, Google, Facebook oder auch Microsoft, i.d.R. also Anbieter von proporitären Soft-/ Hard-Lösungen. Natürlich lässt sich auch gesellschaftlich das Phänomen von geschlossenen Gemeinschaften beobachten, ein relativ aktuelles Beispiel hierfür wäre z.B. die Wiedereinführung von Grenzen innerhalb der Europäischen-Union. Auch wenn sich gesellschaftliches und technisches Phänomen in vielem Unterscheiden,so ist doch die Grundlage die selbe, nämlich der Mehrzahl, bzw.einer großen Zahl von Menschen den Zugang zu etwas zu verweigern undihn nur für eine (oft priviligierte) Gruppe zu ermöglichen.

Auf dem 32C3 gab esmehrere Vorträge welche sich direkt oder indirekt mit dem Thema auseinandergesetzt haben (alle Vorträge zum Nachhören gibt es auf: https://media.ccc.de/c/32c3 ). Besonders deutlich stach dabei der Beitrag von Katharina Nocun für mich heraus da er sehr klar auf Facebook als Beispiel fürGated Community eingeht.

Die Vorteile von offenen Gemeinschaften sind relativ leicht ersichtlich, die Frage obein offener Zugang für alle gegenüber einem eingeschränkten Zugang besser ist, wird vermutlich beinahe jede/r klar zugunsten von offenen Lösungen beantworten können. Natürlich besonders dann wenn die Chance besteht selbst an einer geschlossenen Gemeinschaft nichtpartizipieren zu können.

Bei so viel Einleitung und Metathema möchte ich aber auch zum Zentralen Thema kommen. Viele gut informierte Nutzerinnen und Nutzer bevorzugen schon heute offene Software gegenüber geschlossener, z.B. Sailfish-OS statt IOS oder Windows (die Frage bei Android ist etwas komplexer, darum spare ich das an dieser Stelle mal aus). So bieten offene Lösungen nicht nur signifikant weniger Bloatware (also z.B.Vorinstallierte und meistens vom Nutzenden nicht ohne weiteresentfernende Apps; Chaosradio zu Antifeatures: https://chaosradio.ccc.de/cr202.html ) und Zugriff auf die volle Kontrolle über das System. Sondern siebieten auch Konektivität zu anderen offenen Systemen. Sie sindim Idealfall also Open-Communities. Eine stärke von offenen Gemeinschaften ist, dass sie, im Gegensatz zu einer Gated-Community,nicht darauf angewiesen sind eine Lösung für alle Fragen/ Anforderungen anzubieten, da eine Vernetzung (z.B. über eine Schnittstelle) zu einer anderen offenen Gemeinschaft die gestellte Anforderung im Idealfall sehr einfach lösen kann.

Wenn ich darüber Nachdenke, war ein Gedanke beim Erwerb (m)eines Jollas auch, sich nicht mehr die Fesseln eines großen Anbieters anzulegen, sondern freier und unabhängiger zu sein. Natürlich muss auch Sailfish-OS noch beweisen, dass es eine OpenCommunity ist, so ist es z.B. bishernur in Teilen OpenSource (d.h. der Quellcode des Betriebssystems wurde nur in Teilen offen gelegt) und die geringe Verbreitung vonSailfishOS zwingt die Entwickelnden fast zu einer Unterstützung vonvielen Schnittstellen. Doch falls sich SailfishOS weiter verbreiten sollte, was mit dem Fokus von Jolla auf Partnerfirmen in sogenannten Schwellenländern nicht völlig auszuschließen ist, werden wir ein Augenmerk auf Bewegungen hin zu einem schließen der Gemeinschaftachten müssen und falls dies passiert mit entsprechendem Protest antworten.

Doch ich bin optimistisch, dass wir auf eine positive Entwicklung zusteuern und fordere Jolla auf ihr Ökosystem noch weiter zu öffnen, als dies bisher der Fall ist. In diesem Sinne:

Open the gates!

(and happy new year ;) ).

/krutor

Soziale Arbeit: Vulnerable Gruppen

Was sind vulnerable Gruppen? Warum ist es interessant sich mit ihnen zu beschäftigen? Was ist ihr Problem?

Spannende Antworten dazu gibt Sivlia Staub-Bernasconi in der Zeitschrift Widersprüche Nr.107, aus dem Jahr 2008. Ich hab dies folgendermaßen zusammen gefasst.

 

Viele Adressat_innen Sozialer Arbeit sind Teil sogenannter vulnerabler1 Gruppen, diese Zeichnen sich besonders durch ein geringes Maß an Macht und Einflussmöglichkeiten aus. „Ihre Verletzbarkeit ist darauf zurück zu führen, das alle Menschen […] für die Befriedigung ihrer biologischen, psychischen, sozial/soziokulturell Bedürfnisse, die Entwicklung der Fähigkeit, ein eigenbestimmtes Leben zu führen […] direkt oder indirekt auf andere Menschen als Mitglieder Sozialer Systeme […] angewiesen sind“ [Staub Bernasconi 2008 S. 13]. Ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben ist Mitgliedern dieser Gruppen, wenn überhaupt, also nur sehr schwer möglich. Beispiele für vulnerable Gruppen sind unter anderem Asylsuchende oder Empfänger_innen des Existenzminimums nach SGB II. „Vulnerable Gruppen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich besonder gut als Südenbock für erfahrene oder befürchtete strukturelle Bedrohung […], sozialen Abstieg und Diskriminierung und mithin für eine symbolische Machtpolitik der eigenen Überlegenheit bzw. Entwertung anderer eignen“ [Staub Bernasconi 2008 S. 13]. So sollte es nicht verwundern, dass bei stattfindenden oder erwarteten Krisen, die Schuld oder große Last der Krise, Gruppen trifft die wenig Macht haben. Diese Gruppen eignen sich besonders als ‚Sündenbock‘ da sie aufgrund ihrer ‚Schwäche‘2 nicht in der Lage sind sich wirksam zur Wehr zu setzen und diese Fremdzuschreibungen zu verhindern. Dazu können „Entwertungs- und Stigmatisierungsprozesse“ [Staub Bernasconi 2008 S. 13] durch Politik oder Medien weiter beitragen, wenn diese durch ihren Einfluss solche Prozesse aktiv fördern oder zumindest nicht verhindern. Es kann Teil des (politischen) Mandats Sozialer Arbeit sein sich für diese Gruppen einzusetzen, um diese Schleife der Verletzbarkeit zu durchbrechen und diesen Gruppen Zugang zu Macht, sowie Gesaltungsspielraum zu verschaffen. [vgl. Staub-Bernasconi 2008 S. 13-14]

1Vulnerabel = Verletzbar(keit)

2Also der Abwesenheit ausschlaggebender Macht- und Einflussfaktoren.

Sicherlich eine der spannesten Sichtweisen auf Macht, es lassen sich erstaunlich einfach aktuelle Parallelen zu (seltsammen) Phänomen wie Pegida ziehen und es bietet gute Erklärungsansätze warum passiert, was gerade passiert.

Geklaut: Gesicht(er) nach RECHTS: Wer ist Tatjana Festerling?

Mit Erlaubnis geklaut von Tobi (throgh@pod.geraspora.de)

 

HINWEIS: Auf Basis der letzten Rede von Akif Pirinçci habe ich mir gedacht eine kleine Artikelreihe zu erstellen. In dieser möchte ich die Demagogen und Agitatoren wie auch Agitatorinnen selbst einmal benennen und entsprechend mit euch, liebe Leser und Leserinnen hier auf #Diaspora austauschen. Natürlich handelt es sich bei dem Geschriebenen durchweg um eine subjektive Wahrnehmung. Sollte eine Einschätzung nicht korrekt sein kann bitte jederzeit eine Korrektur über die Kommentarfunktion erfolgen. Zugleich rufe ich auch explizit dazu auf die entsprechenden Informationen gegenzuprüfen, Sichtweisen auszutauschen und entsprechend auch darüber zu diskutieren. Aufhalten kann man #PEGIDA und die Menschen dahinter nur, wenn man ein Verständnis für ihr perfides Vorgehen entwickelt und auch sich gegenseitig informiert. Aufgehalten werden müssen sie aber, da andernfalls weit schlimmere Dinge passieren und die Menschen in ihrer sprichwörtlichen Dumm-, Blind- und Taubheit ein faschistoides Konstrukt schaffen, was niemals gut enden kann. Die Historie reicht schon hierfür als Nachweis und das nicht direkt unbedingt nur auf die rein jüngst, deutsche Vergangenheit! Aus Angst wird Hass, welcher dann wiederum in einer Selbstlüge und schlussendlich in blindem Fanatismus endet. Die Texte mit dem Tag #GesichterNachRechts markiert sollen aber nicht als Pamphlete dienen. Sie sollen zu Diskussionen aufrufen, als Informationsmedium dienlich sein, eigene Meinungen verkünden. Die Gradwanderung zwischen Kritik und Beleidigung kann durchaus sehr schmal sein und ich bin mir sicher, dass ich ebenso durchaus härtere Worte in meinen Ausführungen wählen werde. Aber ich würde böswillige Verunglimpfungen gerne vermeiden wollen, sowohl in den Texten selbst als auch in den Kommentaren!

Für die Einen eine vermeintlich engagierte Frau mit Blick auf die Politik. Für die Anderen eine Demagogin, die rechtspopulistische Parolen von sich gibt und hinter der Maske einer besorgten Bürgerin ihre eigenen Bestrebungen verfolgt. Eine Schreibtischtäterin im Zuge von #PEGIDA! Und was ist sie für mich? Genau das Letztere. Hinter der Maske verbirgt sich ein durchweg geplantes Vorgehen und Frau Festerling sollte sich die Frage stellen lassen, warum sie nicht gleich der #NPD beigetreten ist und jetzt im Zuge von #PEGIDA ihr Gedankengut hinausposaunt. Aber beginnen wir doch einfach mit einer kurzen Analyse ihrer Rede vom gestrigen Abend. Ein Dankeschön an dieser an das entsprechende Nutzerprofil auf #YouTube. Die Person dahinter ist scheinbar ebenso ein Fan von #PEGIDA, aber das ist demnach auch eine gute Quelle. Wer sich damit konkreter auseinandersetzen mag sei dann die Konversation mit dem entsprechenden Profil empfphlen.

Frau Festerling beginnt ihre Rede mit überschwenglicher Freude und Glückwünschen. Lauthals verkündet sie:

Gute Abend, Dresden. Herzlichen Glückwunsch zum ersten Geburtstag. Heute feiern wir vornehmlich euren Geburtstag, ihr liebenswerten, ihr treuen, ihr großartigen Dresdner

Alle Achtung, Frau Festerling: Die Menge konnten sie durchweg schon einmal für sich gewinnen. Natürlich zunächst mit leeren Worthülsen und einigen Standardphrasen, aber irgendwo muss man natürlich auch einsteigen. Mit Sicherheit ist die Stadt Dresden schön und ihre Einwohner sind mit Sicherheit auch in Teilen liebenswert. Bleibt aber fragwürdig wohin genau ihr Ausruf geht. Gilt das für ALLE Dresdner? Oder gilt das nur für die Teilnehmer des Abends selbst?

Ihr Pedianer von nah und fern.

Die Antwort folgt dann schon und zeigt wer gemeint ist mit dem überschwenglichen Lob und den Glückwünschen. Frau Festerling, die begrenzen also Ihre Glückwünsche und zugleich schließen sie Teile der Gesellschaft aus. Angenommen also ich wohne in Dresden, bin dort langjähriger Einwohner und nicht bei #PEGIDA aktiv, schließen Sie mich also aus. Nennt man das nicht zugleich auch Gruppenbildung und ebenso auch Gruppenzwang? Nur Pegidianer sind GUT? Nur Pegidianer sind LOBENSWERT? Wofür lobenswert? Aber fahren wir fort mit der Analyse Ihrer Worte. Immerhin sind wir ja noch lange nicht am Ende angekommen.

Die ihr regelmäßig Hunderte von Kilometern zurücklegt, um hier mit uns gemeinsam mit Dresden Haltung zu zeigen für die Zukunft von Deutschland.

Relativ nebulös und zugleich treffend, Frau Festerling. An dieser Stelle haben Sie wohl bereits einen Großteil der Zuhörer für sich gewonnen, da die Aufmerksamkeitsspanne allein aufgrund der räumlichen Umstände und audiovisuellen Eindrücke relativ gering ausfallen dürfte. In hübsche Worte gepackt zeigen Sie aber wer ein guter und wer ein schlechter Mensch ist.

Überall in Deutschland, in Europa gehen die Menschen zu Tausenden auf die Straße.

Das ist absolut richtig, aber zum Einen erwähnen Sie wirklich hier zum ersten Mal das Wort EUROPA und zum Anderen verwechseln oder besser instrumentalisieren Sie bitte nicht politisch-gesellschaftliches Engagement zum Beispiel gegen TTIP mit dem vermeintlich patriotischen Aufbegehren auf Basis eines rechtspopulistischen Weltbildes, welches schlussendlich nur dazu dienlich ist die Basis eines fanatischen, faschistoiden Staates zu bilden, der alles ihm Fremde von sich weisen wird und natürlich zugleich durch Angst und Terror sich selbst weiter manifestiert.

Gegen Politiker, die ihnen ungewollte Veränderungen aufzwingen. Die ihre Kulturen zerstören und den Menschen die Freiheit rauben.

Richtig: Die Politik hat längst den Boden verloren und ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt statt auf die Menschen zu hören. Falsch: Das hat allerdings nur wenig mit Ihrem Sachverhalt gemein und ist insofern nur obsoletes Argument, was Sie wiederum nutzen, um die Menge für sich zu gewinnen. Wie wäre es denn zum Beispiel wenn Sie gemeinsam mit Flüchtlingen auf die Straße gehen würden und für das Ende von Krieg, Hunger und Ungerechtigkeit eintreten? Die Menschen sind mit Sicherheit nicht aus reiner Freude aus ihrer angestammten Heimat geflohen. Aber Sie instrumentalisieren den Tatbestand, dass hier nun einmal Flüchtlinge sind, um der aufgestauten Wut und Unzufriedenheit freien Lauf zu lassen. Und daman natürlich gemeinsam stärker wird nutzen Sie zugleich die Wut und Angst der Massen vor Ihnen. Sie heizen die Menschen sogar noch an gegen Politik zu agieren. Erinnern Sie sich was ich einige Sätze zuvor über die Aufmerksamkeitsspanne geschrieben habe? Bei dem allgemeinen Zuhörer kommt nur an: “Politiker aktuell sind schlecht, müssen beseitigt werden, Leute da vorne wissen wovon sie reden. Bin mir da sicher, da ich ja auch Angst habe, genau wie die da.” Da sie die Rolle mit “die da” wunderbar ausfüllen, Frau Festerling, machen Sie sich zugleich aber auch zu einer politischen Figur. Wenn man auf Ihrer Webseite (Link) einige Zeilen nachliest findet man dort polemische Texte. Konkrete Taten sind dort aber nicht zu finden. Nein schlimmer noch: Sie unterstützen ganz offen Drohungen. Und natürlich sind kritische Gegenmeinungen fortwährend mit LÜGENPRESSE betitelt. Aber bevor wir uns jetzt in weiteren Details verlieren, weiter im Text, Frau Festerling.

PEGIDA hat eine wichtige Initialzündung gesetzt. Das heißt ihr, die mutigen Dresdner, zeigt wieder einmal, dass ihr eine Wende in Gang setzen könnt. Und diese Wende ist unaufhaltsam losgetreten. Der psychopolitische Wandel des Meinungsklimas ist nicht mehr zu stoppen.

Leider belassen Sie es konkret bei dieser relativ diffusen Umschreibung, Frau Festerling. Etwas deutlicher wäre schon nicht schlecht gewesen: Welcher psychopolitische Wandel? Meinen Sie den politischen Ruck nach Rechts? Mehr National? Mehr Stolz auf die eigene Kultur? Das sind aber doch ebenso Werte, die Sie in einer offenen Gesellschaft verfolgen könnten, Frau Festerling. Wenn Sie Buchwerke eines Franz Kafka zum Beispiel Nichtkennern und / oder kommenden Einwanderern vorstellen und Begeisterung dafür finden. Wenn Sie Friedrich Schiller und Goethe entsprechend rezitieren und Bezüge zwischen den Zeiten der Autoren selbst und der heutigen Zeit ziehen und Kindern aus anderen Kulturen näher bringen. Wenn Sie Begeisterung für Musik und typisch deutsche Einstellungen hervorbringen. Im Gegenzug könnten Einwanderer Ihnen ihre Kultur näher bringen: Missverständnisse über den Koran beseitigen zum Beispiel. Sie sind doch bewusst wohin ein tief verwurzelter Nationalismus führen kann? Wozu Menschen imstande sind wenn sie erst einmal die sprichwörtliche Fackel ausgepackt haben falls sie Schuldige für eine unangenehme Situation ausgemacht haben? Wollen Sie das wirklich soweit kommen lassen? Bislang haben Ihre Worte nur Allgemeinposten abgedeckt und Sie haben nicht einmal konkret eine Grenze gezogen. Nein Sie belassen es der Menge vor Ihnen genau das zu machen. Aber jeder Mensch hat eine eigene Grenze und ich möchte nur bedingt noch wissen was dann in manchem Geiste vor sich geht wenn erst einmal alle Restriktionen – innere wie auch äußere – keine Gültigkeit mehr haben und damit zugleich der Mensch sich nicht mehr gebunden fühlt.

Die Hoheit über die Deutung politischer Zustände entgleitet den Politikern, den Medien und Meinungsmachern. Sie schauen hasserfüllt und ohnmächtig zu, wie sich ihre Mehrheiten und Auflagen im Sinkflug befinden.

Jetzt hätte ich die Frage wen Sie dort gerade beschreiben. Trifft die Bezeichnung “Meinungsmacher” nicht auch auf Sie selbst zu, die sich vor die Menge stellen und eine inbrünstige Rede zum Geburtstag von #PEGIDA halten? Mehrheiten und Auflagen befinden sich im Sinkflug, aber was ist das erklärte Ziel dahinter? Weiterhin verbleiben Sie nur bei Allgemeinposten. Sie instrumentalisieren allgemein gesellschaftliche Strömungen und deuten diese geschickt um, Frau Festerling.

Was ist PEGIDA? Was macht die Faszination aus? Was zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht obwohl die Zustände in Deutschland Einem doch die Tränen in die Augen treiben? Es ist das starke Gefühl von Zugehörigkeit, von Selbstbestimmung, von Freude. PEGIDA bietet Raum für gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Anerkennung. Unsere Spaziergänge sind feste Verabredungen. Viele empfinden sie wie Therapiestunden und eine Fluchtmöglichkeit aus dem täglichen Wahnsinn. Dem Gefühl in einer Freiluft-Psychatrie “Deutschland” gefangen zu sein wenigstens für zwei Stunden entfliehen zu können. Sich der riesigen Irrenanstalt zu entziehen, in der es gerade gegenseitig Anzeigen wegen Volksverhetzung hagelt. Um sich stattdessen vernünftigen, freundlichen und heimatliebenden Menschen anzuschließen, die gemeinsame Werte teilen. Unser Gemeinschaftserlebnis PEGIDA ist das Gegenmodell zu dem was wir in Deutschland sehen: Der tiefen Spaltung der Gesellschaft, die unüberwindbar scheint. Bei PEGIDA spielt Status keine Rolle. Hier treffen sich Motivierte, Engagierte, Kreative, Mitdenkende, Begeisterte und loyale Menschen und drücken friedlich ihren Widerstand aus.

Ein langer Absatz aus Ihrer Rede, Frau Festerling. Zugleich aber auch wirklich wichtiger Teil: Was umschreiben Sie dort? Zum Einen diskreditieren bzw. werten Sie die aktuelle Gesellschaft und ihre Folgen ab, um im Nachgang PEGIDA als eine gute wie auch ultimative Lösung aufwerten zu können. Ein interessanter wie auch rhetorisch geschickter Schachzug: Sollten bislang noch Zweifler in der Menge sein dürften Sie diese nunmehr komplett für sich eingenommen haben. Zugleich aber ist es doch faktisch einfach so, dass erst durch #PEGIDA selbst mitunter Anzeigen wegen Volksverhetzung eingegangen sind. Also nochmals: Was beschreiben Sie dort? Doch nicht etwa das Problem und dessen Ursache bzw. eine Ursache, oder doch? Zum Anderen nutzen Sie einmal mehr allgemein problematische Strömungen wie zum Beispiel Entwurzelung oder auch Entfremdung innerhalb der Gesellschaft selbst und münzen diese komplett auf PEGIDA um. Sie geben den Versammelten das Gefühl, dass sie quasi in einer großen Gemeinschaft auftreten und quasi verbrüdert oder verschwestert sind. Ungleichheit zum Beispiel auf Basis der sozialen Herkunft haben auf einmal keine Gültigkeit mehr. Der Bänker und der Bauarbeiter liegen sich damit in den Armen und alle Probleme sind für die Zeit des Zusammenseins bei PEGIDA aus der Welt geschafft. Das kann doch wohl wirklich nicht Ihre skizzierte Lösung sein, Frau Festerling. Zugleich aber verwenden Sie hier Methodiken an, die wirklich bedenklich sind. Soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit schaffen Sie dadurch nicht aus der Welt, indem Sie diese für einen gewissen Zeitraum für unwichtig erklären. Die Menschen kehren nach der PEGIDA-Veranstaltung auch wieder in den normalen Alltag zurück und wenn sie dort Unzufriedenheit erfahren wird sich dadurch ein Gefälle nur noch verstärken und ein Zugehörigkeitsgefühlt wird nicht nur verstärkt, es wird unumkehrbar. Sie konditionieren die Versammelten zugleich durch abschließend positive Umschreibungen. Nein, Sie wählen keine Titel oder Berufsbezeichnungen, nur Allgemeinposten zur positiven Verstärkung gleich dem pawlowschen Hund.

Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen und Mut gehören zu den Stärken der Pegidianer, vor und hinter dem Mikrofon.

Wie zuvor: Alle sind gleich und Sehnsüchte werden geweckt und positiv mit der Begrifflichkeit PEGIDA verknüpft. Kritik machen Sie damit zu einer sehr schweren Hürde. Ein Mensch, der sich einmal in diesem Laufrad befindet wird viel Kraft aufbringen müssen, um sich dagegen stellen zu können wenn doch auch noch Familie und Freundeskreis entsprechend mitläuft. Die Allgemeinposten Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen und Mut lassen Sie aber danach weithin ohne konkretes Füllmaterial an Worten. So verbleibt natürlich nur die positive Verbindung gestärkt.

PEGIDA ist auch ein Forum für […] unkonventionelle Gedanken und, ja auch, polarisierende Ideen.

Gut, Sie nehmen damit sicherlich Bezug auf das hier:

Galgen Gabriel

Straftaten sind neuerdings also mit “polarisierend” abzuwerten? Eine interessante Deutung des Strafrechtes und der Menschenrechte, Frau Festerling. Aber danach kündigen Sie ja bereits auch Herrn Akif Pirinçci an, der wohl mit seiner Rede einen Bärendienst für PEGIDA erwiesen hat.

Zum Abschluss: Es bleibt festzustellen, Frau Festerling, dass Sie sich vorzugsweise mit Allgemeinposten beschäftigen und Ihre Reden mit einer guten Portion “Gemeinschaftsdenken” würzen. Die Bundeskanzlerin bezeichnet das mit Wir schaffen das!. Sie halten dagegen mit positiver Verstärkung und einer entsprechenden Indoktrination der vermeintlich positiven Vorzüge von PEGIDA, ohne jedoch wirklich eine Beweisführung dafür anzutreten. Im Moment noch befinden wir uns an dem sprichwörtlichen Stammtich, Frau Festerling. Sie haben sich von diesem auch noch nicht erhoben. Es bleibt aber zu hoffen, dass Sie irgendwann erkennen welche Folgen Hetzreden haben. Wann reagieren Sie? Erst wenn der sprichwörtliche PEGIDA-Mob dann mit den Fackeln in der Hand durch die Straßen zieht? Erst wenn es wirklich große Ausschreitungen gibt und die entfesselte Wut durch solcherlei Gedankengut angestachelt Ihrem persönlichen Vorteil reichen konnte? Oder reagieren Sie gar nicht und wollen diese Entfesselung? Nun dann müssen “wir” darüber sprechen, Frau Festerling. So einfach werden Sie jedenfalls diesen Willen nicht erfüllt bekommen und wenn es nach mir geht vorzugsweise GAR NICHT!

Tags: #PEGIDA #Rechtspopulismus #GesichterNachRechts #TatjanaFesterling

 

Danke (nochmal) Tobi für diesen erhellendes Beitrag.

Netzfundstücke: Klartext: Audila Merkel

Unter Netzfundstücke veröffentliche ich Artikel und Kram aus dem Internet, den ich für erhaltenswert, lesenswert und äußerst interessant halte. Viel Vergnügen!

Gibt es eine Verbindung zwischen SUVs und Merkels Politikstil? Ein äußerst gelungener Kommentar über zwei Dinge, die ich für fragwürdig halte 😉

Audi Q3 photo
Photo by M 93: „Dein Nordrhein-Westfalen“
merkel photo
Photo by DonkeyHotey

 

 

 

 

 

 

Der Audi Q3 ist „das beliebteste Auto Deutschlands“, ergab letztes Jahr die ADAC-Rentnerumfrage. Das hat mich lange beschäftigt. Ausgerechnet der Q3! O Zeiten! O Sitten! O Nichtlatein! Doch Jammern hilft keinem weiter, und Angela Merkel wurde ja auch irgendwie demokratisch gewählt (wahrscheinlich). Der Beliebtheit des Q3 muss also auf den Grund zu gehen sein. Hallo Audi, ja, lasst mich bitte mal mit dem meistverkauften aller Q3 fahren, ich muss das verstehen. Ja. Danke. Eine kurze Fahrt später stellt sich keinerlei Erkenntnis ein. Das Auto fährt genauso bescheuert, wie es aussieht, und alles, was toll daran ist, gibt es für weniger Geld im besseren A3: das exzellente Infotainment-System, die insgesamt gute Bedienung, die ergonomischen Sitze, überhaupt der Innenraum, das DSG. Aber das ist die falsche Herangehensweise. Objektiv betrachtet ist Angela Merkel ja auch ein nagender Schädling an der Eiche Deutschland, aber emotional haben wir Mutti doch kollektiv offenbar lieb genug, ihr das Nagen zu erlauben. Und als Schreiber muss man gar nicht alles selbst verstehen, sondern man muss wissen, wen man am besten fragt. Zufälligerweise kenne ich den perfekten Experten für emotionale Hintergründe der Mainstream-Kultur: meine Schwester.

Vor langer Zeit war sie sehr angetan von der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. Den archaischen Unterhaltungswert dieser Sendung konnte man noch recht einfach herleiten, aber wir hatten zu dieser Zeit ja schon unendlich viel mehr an für mein Dafürhalten besseren Zeitvertreiben. Die Römer mussten am Wochenende noch alle ins Kolosseum gehen. Wir haben Pizzabringdienst, Internet und Motorräder mit besserem Leistungsgewicht als eine F16. Anders als die meisten Zuschauer hatte sie jedoch Zugriff auf die Daten der Nuancen, die so eine Show für Massen an Menschen erfolgreich machen, und genau das soll sie jetzt auch beim Audila MerQ3l tun. Zu dieser informationstechnischen Eignung kommt, dass ich mein Schwesterherz als Audi-Kundin sehe. Premium FTW! Wenn man ihr morgen das Bruttoinlandsprodukt der BRD überwiese, wäre es übermorgen für Neoselbstverständlichkeiten ausgegeben, zum Beispiel für die ergiebige Audi-Aufpreisliste, denn der Q3 findet bei ihr augenblicklich Gefallen.

Fahrverhalten: bedenklich. Wiederverkaufswert: gut.

Das Fahrwerk auf Stöckelschuhen zum Beispiel hat bei mir für tiefsten Verdruss gesorgt. Zwei von zwei Beifahrern wurde schlecht beim Geschaukel, das einsetzt, sobald man Schnarchgeschwindigkeit überschreitet. Ich finde das Fahrverhalten ohne Übertreibung bedenklich. Wieso das jemand einem A3 vorzieht, ist die wichtigste Frage. Antworten: „Hohe Autos sind super. Höher ist besser, weil man mehr Übersicht hat und damit mehr gefühlte Kontrolle über die Straße. Man fühlt sich sicherer.“ Interessant. Ich fühle mich wesentlich unsicherer jedes Mal, wenn ich auf dem Schaukelpferd das Lenkrad benutzen muss. „Ja, aber stell dir vor, du hast einen Unfall!“ Das fällt mir im Q3 nicht schwer, das scheint lediglich eine Frage der Zeit. „Dann sitzt man doch lieber in sowas, was solide wirkt.“ Hm. Ich bevorzuge ja geringere Unfallwahrscheinlichkeit durch bessere Geometrie statt mehr Unfälle mit besserem Gefühl dabei, aber: gegeben. Es geht ja um die Wunderwelt des Gefühlten. Apropos: „Man fühlt sich machtvoller hier oben, wie der Chef auf der Straße. Man kann gut auf Andere hinuntergucken.“ Ich sage ja: Sie ist eine geradezu archetypische Audi-Kundin. „Am liebsten würde ich noch höher sitzen. Dieser Laster da versperrt mir die Sicht. Man bräuchte eine aufsteigende Kamera, die einem die Straße vor dem Laster zeigt.“ Hört ihr das bei Audi? Kameradrohnenschächte in die Aufpreisliste, bitte. Und noch was: „Der Wiederverkaufswert wird gut sein.“ Ich schlage nach: Ja, der ADAC ist derselben Meinung.

 

In der Mitte des Gesprächs finden sich doch einige Übereinstimmungen: Die Sitze sind sehr gut, Alcantara als Bezug ist im Winter oder in Kurven angenehmer als Leder. Die aufgeschwemmte Karosserie ist scheußlich unübersichtlich in allen Geschwindigkeitsbereichen. Das Fahrgeräusch ist leise, die Dämmung sehr gut. Die Außenspiegel sind gut. Der Innenspiegel ist schlecht. Die Heckscheibe ist zu klein, die Sicht nach hinten so schlimm wie in einem Astra. Die Freisprechanlage ist sehr gut. Die typisch gelungene Audi-Gestaltung altert mit Würde. Das DSG möchte man haben. Der Klang der Bose-Anlage ist großartig, wobei man in Kauf nehmen muss, dass der Subwoofer den Raum des Reserverads einnimmt. Was ist der Kundschaft wichtiger? Wahrscheinlich der Subwoofer. Es gibt auch die Variante, den Wagen nur mit Notflickset zu bestellen, dann hat man mehr Platz für Gepäck. Mit Reserverad oder Subwoofer plus Abdeckung: Der Kofferraum ist zu klein für eine Familie, aber die erhöhte Ladefläche hinten ist angenehm beim Beladen. Ohne muss alles aus diesem Brunnenschacht gehoben werden. Das Bedienkonzept ist das wohl beste in seiner Klasse. Selbst komplizierte Assistentenabschaltungen oder Internetfunktionen finden mehrere Testpersonen auf Anhieb ohne Handbuch. Und schließlich stehen beim Q3 200 kg mehr Anhängelast im Datenblatt als beim A3 (2000 kg statt 1800 bei 8 % Steigung). Das kann für Wohnwagenzieher den Unterschied ausmachen, und Wohnwagenziehern ist ein bedenkliches Fahrverhalten ohnehin egal, sonst würden sie eine Ferienwohnung mieten.

Mutti ist alternativlos.

Eben dieses Fahrverhalten lässt mich nicht los. Wiegt das normalere Fahrverhalten eines A3 zusammen mit seiner besseren Wirtschaftlichkeit nicht die ganzen gefühlten Modegründe auf? Was sagt denn die Schwester dazu, wie ihr Ingolstädter Freund durch die Kurven eiert? „Naja, es schaukelt schon ein bisschen“, muss sie zugeben, „aber es ist doch gar nicht soo schlecht.“ Oh-oh. Das Merkel-Totschlagargument: „Sie/er macht das doch gar nicht so schlecht / besser als erwartet.“ Wenn man nichts erwartet, ist fast nichts halt schon ein Übertreffen der Erwartungen. Weil Wahl ist, möchte ich dazu aufrufen, in jeder Hinsicht ein bisschen mehr zu erwarten als nichts. Man muss nicht eine bedenklich eiernde Q3-Mutti wählen, nur weil es sie gibt. Sie ist nicht alternativlos. Selbst die konservative Kundschaft wird ihren A3 finden, ein Auto, das alles besser kann außer die Versorgung mit einem vage-warmen Muttipanzergefühl. Der Muttipanzer bringt allen für viel rausgeschmissenes Geld praktisch nur Nachteile. Die Zeit seiner modischen Erwünschtheit sollte am besten bald vorbei sein. Es gibt ja Hoffnung: Dieses Jahr ist die A-Klasse das „beliebteste Auto“ geworden. Soweit zum Wünschen. In der Realität rechne ich fest damit, dass meine Schwester als nächsten Wagen einen Audi Q1 einplant, der zeitgeistdiktiert kommen wird.

(cgl)

 

Originalquelle: Heise – Auto http://www.heise.de/autos/artikel/Klartext-Audila-Merkel-1960096.html?artikelseite=2

Zitat aus „Die Opt-out-Kultur der sozialen Netzwerke“

„Ein Facebook- oder ein Google-Plus-Account gehört seinem Nutzer letztlich nicht. Es ist ein Raum, der gratis zur Verfügung gestellt wird, um den Nutzer in seine kommerziell interessanten Einzelteile zerlegen zu können. Der einzelne Nutzer selbst trägt dagegen keinen Wert.“ [Ippolitas; Kallfelz]

Artikel: Die Opt-out-Kultur der sozialen Netzwerke – irights.info

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Netzfundstücke: 1999 – Peinlicher Fehler deckt die Unterwanderung von Windows durch die NSA auf

Unter Netzfundstücke veröffentliche ich Artikel und Kram aus dem Internet, den ich für erhaltenswert, lesenswert und äußerst interessant halte. Viel Vergnügen!

 

 

Duncan Campbell 09.09.1999

Die Entdeckungen von Nicko van Someren und Andrew Fernandes.

Ein unbedachter Fehler von Microsoft-Programmierern hat offengelegt, dass spezielle Zugriffscodes, die von der US-amerikanischen National Security Agency präpariert worden waren, heimlich in das Windows-Betriebssystem eingebaut worden sind. Das Zugriffssystem der NSA wurde in jede Windows-Version eingebaut, die derzeit benutzt wird, abgesehen von frühen Ausgaben von Windows 95 und dessen Vorgängerversionen. Die Aufdeckung des Falles folgt damit knapp der erst vor kurzem gemachten Enthüllung, dass ein anderer amerikanischer Softwaregigant, Lotus, ein Schlupfloch der NSA zur „Hilfe Information“ in sein Notes-System eingebaut hatte (Nur die NSA kann zuhören, das ist OK), und dass die Sicherheitsfunktionen anderer Programme des Herstellers absichtlich eingeschränkt worden waren.

Das Zugriffssystem war bereits vor zwei Jahren von dem Briten Nicko van Someren entdeckt worden. Aber erst vor ein paar Wochen wurde es erneut von einem anderen Forscher entdeckt, der auch die Indizien fand, die ihn zur NSA führten.

Sicherheitsspezialisten wissen seit zwei Jahren, dass im Standard-Treiber für Sicherheits- und Verschlüsselungsfunktionen von Windows unübliche Features enthalten sind. Der Treiber mit der Bezeichnung ADVAPI.DLL ermöglicht und kontrolliert eine ganze Reihe von Sicherheitsfunktionen. Windows-Nutzer können ihn im C:\Windows\system Verzeichnis finden.

ADVAPI.DLL arbeitet eng mit dem Microsoft Internet Explorer zusammen, benutzt aber nur kryptographische Funktionen, die die amerikanische Regierung für den Export freigegeben hat. Diese Information enthält von Europa aus betrachtet eigentlich schon ausreichend schlechte Nachrichten. Inzwischen ist aber klar, dass ADVAPI spezielle Programme beinhaltet, die von der NSA dort installiert wurden und von ihr auch kontrolliert werden. Bis dato weiss niemand, welche Programme das sind, und was sie tun.

Dr. van Someren berichtete auf der Crypto ’98 Konferenz, dass er den ADVAPI-Treiber auseinandergebaut und zwei verschiedene Schlüssel gefunden habe. Einer wird von Microsoft benutzt, um die kryptographischen Funktionen von Windows im Sinne der amerikanischen Exportbedingungen zu kontrollieren. Der Grund für einen zweiten Schlüssel blieb aber unklar, ebenso die Frage, wem er gehörte.

Ein zweiter Schlüssel

Vor zwei Wochen ging nun ein Unternehmen, das Sicherheitsprodukte herstellt, mit Indizien an die Öffentlichkeit, dass der zweite Schlüssel der NSA gehört. Wie Dr. van Someren hatte Andrew Fernandes, der Chef-Forscher der Firma Cryptonym aus Morrisville in Nort Carolina, die Bedeutung der beiden Schlüssel untersucht. Dann testete er das neueste Service Paket für Windows NT4, Service Pack 5. Er fand heraus, dass Microsoftentwickler vor der Freigabe der Software vergessen hatten, die Debugging-Symbole zu entfernen, die benutzt wurden, um die Software zu testen. Eines davon war mit „KEY“ betitelt, das andere mit „NSAKEY“.

Fernandez berichtete von seiner Wiederentdeckung der beiden CAPI-Schlüssel und ihrer geheimen Bedeutung vor der Crypto ’99 Konferenz „Advances in Cryptology“ in Santa Barbara. Laut verschiedener Aussagen von Teilnehmern der Konferenz bestritten die anwesenden Windows-Entwickler nicht, dass der NSA-Schlüssel in ihre Software eingebaut wurde. Sie weigerten sich aber, darüber Auskunft zu geben, wofür der Schlüssel benutzt wird, und warum er ohne Wissen der Nutzer dort eingebaut worden war.

Ein dritter Schlüssel?

Teilnehmer der Konferenz berichteten schliesslich, dass selbst Spitzenprogrammierer aus Microsofts Kryptoabteilung erstaunt feststellen mussten, dass die ADVAPI.DLL-Version, die mit Windows 2000 mitgeliefert wird, nicht nur zwei, sondern drei Schlüssel enthält. Brian LaMachia, Chef der CAPI-Entwicklung bei Microsoft, zeigte sich „verblüfft“ über die Tatsache, solche Fakten von Dritten hören zu müssen. Die jüngste Entdeckung von Dr. van Someren gründet sich auf neueste Untersuchungsmethoden, die die „Entropie“ von Programmcode testen und protokollieren.

In der Firmenorganisation von Microsoft ist der Zugriff zu Windows-Quellcode angeblich hochgradig auf die verschiedenen Abteilungen aufgesplittet, was es umso leichter macht, Modifikationen einzufügen, ohne dass selbst die zuständigen Produktmanager etwas davon erfahren.

Die Forscher sind sich uneins darüber, ob der NSA-Schlüssel unter Umständen Windowsnutzern in der Regierung zur Verschlüsselung mit klassifizierten Systemen dienen könnte, oder ob sein Ziel darin liegt, die Windowssysteme von Jedermann für die Informationsgewinnung durch eine neue NSA-Abteilung von „Informationskriegern“ zu öffnen.

Laut Fernandez ist das Ergebnis eines geheimen Schlüssels in Windows-Betriebssystemen, „dass es für die NSA um einiges leichter wird, unautorisierte Sicherheitsfunktionen auf alle Kopien von Windows hochzuladen. Und wenn diese Funktionen erst einmal geladen sind, können sie jedes Betriebssystem effektiv infiltrieren.“ Der NSA-Schlüssel ist in jeder Version von Windows ab Windows 95 OSR2 aufwärts enthalten.

Er fügte hinzu, dass „dieser Fund für nicht-amerikanische IT Manager beunruhigend ist, die sich auf Windows NT stützen, um Hochsicherheitsdaten zu verwalten. Die US-amerikanische Regierung macht es im Augenblich so schwierig wie möglich, ’starke‘ Kryptographie ausserhalb der USA einzusetzen. Dass sie nun auch noch eine kryptographische Hintertür in das meistbenutzte Betriebssystem überhaupt installieren lässt, sollte ausländischen IT-Managern eine Warnung sein.“

„Wie fühlt sich ein IT-Manager wohl, wenn er erkennen muss, dass in jeder Kopie von Windows auf dem Markt eine Hintertür für die NSA eingebaut worden ist, was es der amerikanischen Regierung exponentiell einfacher macht, auf jeden Computer zuzugreifen?“ fragte er.

Kann die Hintertür auch von der anderen Seite benutzt werden?

Dr. van Someren glaubt, dass die primäre Anwendung des NSA-Schlüssels vermutlich im legitimen Gebrauch durch Regierungsagenturen liegt. Für die Existenz des dritten Schlüssels in Windows 2000 CAPI könne es jedoch keine legitime Erklärung geben, erklärte er. „Das sieht faul aus,“ fügte er hinzu.

Fernandes glaubt, dass das von der NSA eingebaute Hintertürchen auch gegen die Schnüffler gewendet werden kann. Der NSA-Schlüssel innerhalb von CAPI kann durch einen eigenen Schlüssel ersetzt, und dazu benutzt werden, um sich kryptographische Sicherheitsmodule von unautorisierten Dritten zu besorgen, die nicht von Microsoft oder der NSA genehmigt wurden. Genau dieser Situation versucht die amerikanische Regierung aber vorzubeugen. Ein Demoprogramm, das den Vorgang erklärt, kann auf der Website von Cryptonym gefunden werden.

Nach Angaben eines führenden amerikanischen Kryptographen sollte die IT-Welt dankbar sein, dass die Subversion von Windows durch die NSA noch vor der Einführung der neuen CPUs ans Licht kam, die verschlüsselte Sets von Anweisungen anwenden. Solche CPUs hätten die Entdeckungen dieses Monats unmöglich gemacht. „Wenn die nächste Prozessorengeneration mit verschlüsselten Instruktionssets schon eingebaut wäre, hätten wir niemals etwas über den NSAKEY herausgefunden.“

Originalquelle: Telepolis http://www.heise.de/tp/artikel/5/5274/1.html